Pressestimmen

FAZ | 7.8.2010

Kunst aus Frankfurt und Helsinki

In der Kunst ist immer alles noch viel schlimmer

Ist die Melancholie in Finnland zu Hause? Nicht ganz. Das zeigt eine Ausstellung im Atelier Frankfurt mit Werken von Künstlerinnen aus Frankfurt und Helsinki.

Womöglich ist das alles nur ein Missverständnis. Eine Erfindung, eine spezifisch männliche Projektion oder schlichtweg ein die Wirklichkeit allmählich überlagerndes und sie am Ende gar ersetzendes Klischee. Dass man für die Wahrheit hält, was uns die Kunst und insbesondere das Kino über ein fremdes Land immer wieder neu und anders, im Grunde aber doch immer gleich erzählen. Dass im New York Jim Jarmuschs kaum ein Taxifahrer mehr als ein, zwei Sätze Englisch spricht, dass ganz Paris immerzu von der Liebe träumt, und mehr noch, dass in Berlin das schöne, bunte, wilde Leben der Boheme seine Heimat hat.

Und dass in Helsinki wie sonst nirgends oder allenfalls im schönen Lissabon – wo Aki Kaurismäki, wenn er nicht in Finnland weilt, bevorzugt lebt – die Melancholie höchstselbst zu Hause ist. Dass man dort den lieben langen Tag mutterseelenallein im Café sitzt und ein bisschen Tango hört, naturgemäß viel Wodka trinkt, dazu schwarzen Kaffee, und ansonsten meistens schweigt. Angesichts der vom Frankfurter Frauenreferat gemeinsam mit dem Atelier Frankfurt realisierten Ausstellung mit zehn vorwiegend jungen Positionen finnischer und am Main lebender Künstlerinnen im Showroom des Atelierhauses (Hohenstaufenstraße 13–25) jedenfalls fällt es zunächst ein wenig schwer, diesem pittoresken Bild fürderhin zu glauben.

Schimpfwörter ergänzen sich

Denn Klischees fortzuschreiben ist die Sache dieser Künstlerinnen nicht, im Gegenteil. „Isn’t Everything After All A Part Of Our Inner Life, With The External Left Outside Our Consciousness“ lautet der ellenlange Titel der Schau. Sie stellt vor allem Fragen. Nach Kindheitsmustern und Geschlechterrollen, nach der Existenz im Allgemeinen und der – weiblichen – Identität im Besonderen. Das gilt für manche der Frankfurter Künstlerinnen wie etwa Sandra Mann, die im Rahmen des städtischen „Artist in Residence“-Programms selbst drei Monate in Helsinki verbracht hat, genauso wie für Fides Becker, die das ganze Entree des Ausstellungsareals in eine illusionistische, freilich nur scheinbar mit Tüll und Spitzenstoff allerliebst ausgestattete Bühne verwandelt hat.

Ingke Günther hat derweil ihre beeindruckende Sammlung leicht aus der Mode gekommener Schimpfworte von „Arschgeige“ über „Gewitterziege“ und „Hundsfott“ bis „Rindvieh“, „Sonntagsfahrer“ oder „Zimtzicke“ um einige finnische Unverschämtheiten wie „älykääpio“ oder „persläpi“ erweitert und stickt all das brav und unschuldig wie ein Schulmädchen aus auch schon längst vergangenen Zeiten fein säuberlich auf Büttenpapier, während Gabi Schaffner ihre Eindrücke aus Helsinki in einer die Phantasie anregenden Klangcollage spiegelt.

Manche Bilder bergisst man nicht

Und doch sind es am Ende einige der finnischen Positionen, die einen noch stärkeren Eindruck hinterlassen. Zwar mag man wissen, dass die finnische Kunst und insbesondere die Fotokunst sich vor rund 15 Jahren als „Helsinki School“ gleichsam neu erfunden haben und auch in Deutschland in zahlreichen Ausstellungen zu entdecken waren. Die Arbeiten der Malerin Marikka Kiirikoff oder auch der Fotografin Anni Leppälä fügen sich denn auch trefflich ein in das Bild eines für die finnische Kunst vielleicht nicht typischen, aber doch gern variierten fragmentarischen Erzählens von Mythen, von dunklem Wald und Märchen, von Traumata und Kunstgeschichte.

Schon das ist kein schlechter Auftritt. Die Bilder aber, die man nicht vergisst, die für nachhaltige Beklemmung und Verstörung sorgen, sind jene, die sich auch mit größtem Aufwand nicht eigentlich inszenieren lassen. Wenn etwa Minna Suoniemi in ihrer Videoperformance „Big Bad“ in einem fliederfarbenen Dirndl auf- und abspringt wie von der Tarantel gestochen oder Heta Kuchka zu den Klängen von Compay Segundos „Chan Chan“ sich offenkundig nicht so recht entscheiden kann, ob sie lachen oder weinen soll, dann mag man das zunächst zwar eher komisch finden. Doch wenn Suoniemis Hände sich verkrampfen, die Adern anschwellen und sie sich auf die Lippen beißt, wenn ihre Brüste in dem engen Mieder auf- und abspringen und die Performerin sichtlich und geradezu spürbar komplett die Kontrolle verliert und das einfach nicht aufhören will; wenn Kuchka in „Daddy’s Girl (Hopeless Attempt Not To Cry Listening To That Song)“ immer wieder abbricht, aus dem Bild geht und lächelnd zurückkommt, bis ihre Lippen zu zittern beginnen und ihr die Züge mehr und mehr entgleiten, bis sie hemmungslos zu weinen anfängt, dann ist das von einer konzeptuellen Schlichtheit und zugleich von einer Intensität und Unmittelbarkeit und Kraft, der man sich auch beim zweiten Sehen kaum entziehen kann. Tango und Zigaretten, Schnaps und Kaffee und Melancholie – glaubt man dem Klischee, dann ist die finnische Krankheit zugleich die beste Therapie. Allein, hier ist alles viel schlimmer. Und für Romantik ist bis auf weiteres kein Platz.

Die Ausstellung im Atelier Frankfurt, Hohenstaufenstraße 13–25, ist bis zur Finissage am 27. August nach Vereinbarung unter der Rufnummer 0 69/74 30 37 71 oder unter kontakt@atelier geöffnet.

von Christoph Schütte

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Atelier Frankfurt

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FAZ | 15.7.2010

von Christoph Schütte

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Journal Frankfurt | 25.6.2010

von Grit Weber

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FAZ | 4.5.2010

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Journal Frankfurt | 5.3.2010

von Grit Weber

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FAZ | 24.11.09

Frankfurter Künstler-Ateliers

In der Finanzkrise ist die Phantasie gefragt

„Nennen Sie mir ein Stichwort, irgendeins. Ich finde dazu den passenden 16-Millimeter-Film in meiner Sammlung.“ Mit diesem verlockenden Angebot begrüßte Nora de Baan die Besucher, die ihren Arbeitsraum im Künstlerhaus „Atelierfrankfurt“ (Hohenstaufenstraße 13–25) betraten. Eigens zur Veranstaltung „Open Doors“, zu der jetzt abermals 200 Künstler Einblicke in Frankfurter Ateliers gewährten, hatte die Züricher Filmemacherin ihren Raum in eine Art Non-Stop-Kino verwandelt.

Sichtlich fasziniert saßen die Zuschauer darin einzeln vor einem surrenden Filmapparat. Allein die Vorführsituation erwies sich als Erlebnis, da das Abspielformat des Films durch einen umgebauten Projektor auf die Größe eines Minikinos schrumpfte.

Förderung von Kultur

Wunderte man sich noch darüber, dass jener auf einer winzig runden Papierfläche projizierte Film nichts mit dem anfangs verlangten Stichwort zu tun hatte, erklärte die Künstlerin am Ende des Clips humorvoll: „Dies ist die Geschichte des kauenden Hasen, der eine Maus sein wollte.“ Geschickt füllte sie die Lücke zwischen gewünschtem Stichwort und sichtbarem Filmbild.

Gut besucht waren die „Open Doors“ auch in ihrem dritten Jahr. Insgesamt 24 Orte in ganz Frankfurt verband der Atelierrundgang dieses Mal. Parallel zu den 43 städtischen Ateliers, dazu zählen sowohl der Kulturbunker in der Schmickstraße 18 im Osthafen als auch die Ateliers in der Ostparkstraße 47–49, öffneten wieder die beiden Vereine „Atelierfrankfurt“ und „basis“ ihre Häuser. Schon zur Vernissage der „Artists in Residence“-Ausstellung waren viele Besucher gekommen, Felix Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, hielt die einführende Rede. Auch in Zeiten der Finanzkrise, versicherte er, sei die Förderung von Kultur weiterhin Sache der öffentlichen Hand. Für den Verbleib der Künstler in der Stadt seien finanzierbare Arbeitsräume eine wichtige Grundlage.

Deutsche Hausmannskost

Wie der Atelierrundgang nun zeigte, trägt das Modell, Künstlern zusätzlich zu den städtisch finanzierten Ateliers in Frankfurt auch günstige Arbeitsräume anzubieten, inzwischen ansehnliche Früchte. Direkt unter dem Dach des „Atelierfrankfurt“ konnten Neugierige einen exklusiven Blick auf jene Skulpturteile werfen, die Tomas Saraceno für die Kunstbiennale in Venedig produziert hatte.

Frische Gesichter mischten sich diesmal im „Atelierfrankfurt“ unter die etablierten Künstler. In dem 2008 neu hinzugekommenen Anbau hat der Amerikaner Jesse Farber einen Atelierraum bezogen. Auf dem Flohmarkt in Frankfurt fand er ein Kochbuch, dem Layout nach zu urteilen aus den 1970er Jahren. Die heute unappetitlich wirkenden Nahaufnahmen von deutscher Hausmannskost dienten dem Künstler als Vorlagen für seine horrorartigen bis surrealen Papiercollagen.

Schwindelerregende Geschwindigkeit

Während im „Atelierfrankfurt“ vor allem jene Arbeiten überzeugten, die sich am Rand des Surrealen bewegten, nahmen die Künstler und angewandten Designer in den beiden Atelierhäusern der „basis“ (Gutleut- und Elbestraße) verstärkt Bezug auf die gegenwärtigen digitalen Entwicklungen. Florian Jenett stellte seine neue Arbeit, bestehend aus achtzehn Computermonitoren, vor. In einer schwindelerregenden Geschwindigkeit überspielte sein Rechner live kurze Werbe-Clips, die Jenett von den Internetseiten internationaler Tageszeitungen bezieht.

Von Hortense Pisano

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FR | 23.11.09

Bilder für Alle

Hundert Welten beim Kunstsupermarkt

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier, Du erscheinst mir nicht mehr, Und die See und der Sand, Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid. Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt, Dass ich wieder sehe und dass ich Dich wiederseh! (Ingeborg Bachmann)

Im Keller haust ein Teletubby mit dem Gesicht von Adolf Hitler. Eine gesprühte Schablonenarbeit, platziert in einer Nische, ein Schreckmoment, ein Grinsen, Erkennen, Nachdenken. Ein paar Stockwerke höher prangt im lichten Treppenhaus ein Banner mit Ingeborg Bachmanns Gedicht "An die Sonne" (siehe Auszug oben), so etwas wie programmatische Gedanken zur Gründung des Ateliers Frankfurt in der Hohenstaufenstraße 13-25. Kunst in Frankfurt - das spielt sich zwischen Schock und Schönheit ab.
Wie sich Kunst eigentlich immer in diesem weiten, eigentlich - widersinnig - unendlich weiten Spektrum positioniert. Extrovertiert und introspektiv, öffentlich, alltäglich und vergänglich contra privat, fragil und feinsinnig. Vielleicht aber auch kein Contra. Die Atelierhäuser der Stadt zeigen, dass alles zusammengeht, alles irgendwie passt.

"Bis auf die Bildhauer. Von denen haben wir hier keine; wahrscheinlich weil es einfach zu laut wäre", überlegt Kerstin Lichtblau in ihrem Atelier im Hinterhof der Elbestraße 10, mitten im Bahnhofsviertel. Dort weist es sich im übrigen, dass auf die Rückseite schauen muss, wer die Schönheit des viel gescholtenen Viertels erkennen will. 30 Künstler sind in dem heimeligen fünfstöckigen Bau aus gelbem Sandstein untergekommen; zuvor waren dort die Ausstellungsräume des Künstler-Kollektivs "basis" in der Gutleutstraße 8. "Endlich ein warmes Atelier", freut sich die Malerin Lichtblau. Man hatte auch schon mal Heizlüfter und lecke Dächer. Jetzt haben Lichtblau und Kollegin Billa Burger für 500 Euro ein weitläufiges Zuhause, inklusive Siebdruckwerkstatt. Platz zum Schaffen und den Kopf frei zum Fantasieren.

Überhaupt Fantasieren: Längst hat sich die Spreu vom Weizen getrennt und was sich bei den 2009er "Open Doors" der Frankfurter Ateliers der Öffentlichkeit zeigt, ist keinen Moment mehr im Angedachten, Halbgaren. Auch nicht mehr in einem schlichten "Anti" vermeintlicher Kunst zu allem um sie herum. Auf Schritt und Tritt begegnet dem Besucher an diesem Wochenende berückende Integrität, angenehm verwirrende Eindrücke, gedankenstarke künstlerische Explosionen.

Im Parterre der alten Landesbildstelle an der Gutleutstraße laufen Filme aus den 60ern, in denen Altvordere sich über Hippies aufregen. Die heutige Jugend rechnet wohl mit ähnlicher Kritik durch ihre Hippie-Großeltern. Zwei Stockwerke drüber prangt an einem Atelier ein altes Verwaltungsschild mit leeren Namenleisten. Aber darüber steht dick und weiß "200 WHITE". Zimmernummer mit Witz? Kunst? Zufall? Egal. In den Atelierhäusern der Stadt macht die Imagination Überstunden. Das ist - auch für Laien - nie ein Fehler.

"Es ist ja auch interessant mit den Besuchern zu sprechen, zu erfahren, wie sie auf die Kunst reagieren. Das bringt einen selbst auch wieder zum Nachdenken", sagt die Rüsselsheimer Künstlerin Katrin Trost, die in der Hohenstaufenstraße 13-25 ihren Kolleginnen und Kollegen bei den "Open Doors" zur Seite steht. Vielleicht denkt sich dann jemand, dass Marina Ackers Fotos von Elvira Softics "constructed fabric" ästhetischen und streng geometrischen Rüschen-Exzessen für eine optische Revolution auf den Titeln der "Vogue" sorgen sollten. Es wäre nicht das Falscheste. Oder man möchte Niklas Klotz danken für seine attraktiven hässlichen Büsten, die wie jene Wahrnehmungen wirken, die das Bewusstsein nie erreichen. Oder der Graffiti-Buchstabenberg von "Atem" mit der "Declaration of Human Rights": Die sollte tausendfach gedruckt in jeder Studentenbude hängen.

Die Kunst ist unbändig. In den Ateliers findet sie ein zeitweiliges Zuhause. Ingeborg Bachmanns Sonne, die Kunst, sie scheint in jedem Atelier, das ganze Jahr über.

Von Peter Rutkowski

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FR | 20.11.09

Open Doors

Andere Wege

Was sich Il-Jin Choi mit seinen beiden Kollegen vorgenommen hat, ist ohne Übertreibung wirklich alles andere als eine Kleinigkeit. "Wir wollen Graffiti neu positionieren." Es gehe darum, diese Form des künstlerischen Wirkens "weiter zu entwickeln", sagt der 28-Jährige.

Deshalb bat der Mann, der als Künstler unter dem Pseudonym "Atem" auftritt und in einer Werkstatt im Bahnhofsviertel arbeitet, auch seine Kollegen Rafael Gerlach, auch "Satone" genannt, und Alexander Becherer, der unter dem Namen "Biserama" firmiert, zu einer Kunstaktion: Im Atelierfrankfurt schufen die drei ein gemeinsames Werk, auf einer Wandfläche über 17,60 Meter hinweg. Am heutigen Freitag müssen die jungen Männer fertig sein, dann eröffnet "Open Doors". Ausstellungsmacherin Corinna Bimboese ist gewiss: Auch an diesem Wochenende dürfte es an Besuchern in den Ateliers und Galerien nicht mangeln. "Open Doors" ist eine Veranstaltung des Atelierfrankfurt, der Werkgemeinschaft basis und des städtischen Kulturamtes.

Die Besucher kriegen etwa die Werkschau der Künstler zu sehen, die im Atelierfrankfurt wirken oder früher dort eines der 45 Ateliers hatten. Zu ihnen gehört Monika Romstein. Die Künstlerin zeigt im ersten Stock beim "Familientreffen" zwei Werke, die sich über ihre Figürlichkeit, anders als die ansonsten eher abstrakt gehaltenen Arbeiten, schnell erschließen. Eins davon zeigt einen Hofnarr mit Puppe, eine wunderbare Arbeit, die Romstein zum "Familientreffen" beigetragen hat.

Dass sich das Werk auf Anhieb erschließt, das lässt sich über die Arbeit von Hans Demeulenaere und Esther Venrooy nicht sagen. Für den aus zierlichen Holzstäben gefertigten, transparenten Kasten, in dem allmählich lauter werdende Töne zu vernehmen sind, haben sich die Künstler an einem Foto aus den frühen 20er Jahren orientiert. Das Bild zeigt den Rohbau des Poelzig-Baus, den man in Frankfurt nur IG Farben-Haus nennt. Das Skelett des Gebäudes, das der Architekt Hans Poelzig geschaffen hatte, wirkt wie eine gleichmäßige Reihung von fragiler Gestalt. In bewusster Anspielung auf dieses Konstrukt fertigten die beiden Antwerpener ihr Werk für die Jahresausstellung der Frankfurter Gastkünstler "Artists in Residence".

Das Tolle sei, sagt Kurator Peter Weiermair, "dass sich die Stadt so etwas leistet" - ein Austauschprogramm, mit dem die Künstler "die Botschaft von der Weltläufigkeit Frankfurts" transportieren würden.

Von Matthias Arning

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Die Welt | 18.11.09

Austausch im Kulturbunker;
Ab Freitag zeigen Frankfurts „Artists in Residence", wie sie einander inspirieren

Kulturdezernent Felix Semmelroth eröffnet am Freitag die Jahresausstellung der Frankfurter Gastkünstler mit dem Titel „Artists in Residence" im Ausstellungsraum des „Atelierfrankfurt" in der Hohenstaufenstraße. Beginn ist um 18 Uhr. „Neue Impulse sind für den künstlerischen Schaffensprozess unerlässlich. Mit der seit 2007 erfolgreich eingeführten Jahresausstellung des traditionsreichen Frankfurter Austauschsprogramms wollen wir dem Publikum zeigen, wie inspirierend die Frankfurter Kunstszene für internationale Gastkünstler sein kann", so der Kulturdezernent. Frühere Generationen nahmen oft weite und beschwerliche Reisen nach Italien oder quer durch Europa auf sich, um neue Entwicklungen wie die Zentralperspektive in der Renaissance zu studieren oder malerische Fertigkeiten wie die Chiaroscuro-Malerei im Barock zu erwerben. Heute stehen andere Themen im Vordergrund - Fragen der Kunstkritik und der kuratorischen Auffassung in verschiedenen Ländern sowie Lebensumstände und Arbeitsbedingungen von Künstlern. Der grenzübergreifende und internationale Austausch ist jedoch heute genauso bedeutsam, wenn nicht sogar noch wichtiger geworden. Das Frankfurter Artists in Residence Programm bietet seit 19 Jahren eine Plattform für diesen besonderen Aspekt künstlerischen Schaffens, sowohl für die Frankfurter als auch für die ausländischen Künstler, die an diesem Projekt teilnehmen.

Die Eröffnung der Ausstellung erfolgt zusammen mit der Eröffnung und zum Auftakt der „Open Doors" - des Wochenendes der offenen Ateliers in Frankfurt - und unter dem Motto „Art goes public". Auch dieses Jahr werden wieder Werke ausländischer Künstlerinnen und Künstler aus den Partnerstädten gezeigt, die während ihres Aufenthaltes in den Gastateliers der Stadt Frankfurt im Kulturbunker in der Schmickstraße entstanden sind.

Vom 21. November bis 21. Januar werden im Ausstellungsraum im Erdgeschoss des Atelierfrankfurt die Werke von zehn Künstlerinnen und Künstler präsentiert: ByoungHo Kim aus Seoul/Korea, Christian Ecker aus Salzburg, Marta Czene aus Budapest, Kim Lux aus Straßburg, Elisabeth Grübl aus Wien und Esther Venrooy und Hans Demeulenaere, ein Künstlerduo aus Antwerpen. Außerdem sind die Arbeiten von Mikko Kuorinki aus Helsinki und Viktor Daldon aus Dubrovnik zu sehen, zwei Künstler, die zurzeit noch in den Gastateliers der Stadt leben und arbeiten. Ebenfalls ausgestellt werden dieses Jahr die Arbeiten von Jasmine Justice aus New York.

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FAZ | 25.10.09

von Niklas Maak

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Journal Frankfurt | 16.10.09

von Grit Weber

FNP | 10.10.09

Hessenpark wird zum Atelier

Eine malerischere Kulisse wird es kaum geben: Im kommenden Jahr wird ein Künstler für zwei Monate im Freilichtmuseum leben und arbeiten.

Frankfurt/Neu-Anspach. Am Donnerstag wurde in Frankfurt ein Vertrag unterzeichnet, der Stadt und Umland näher zusammenbringt: Tisch und Bett – sprich eine Wohnung – stellen der Hessenpark in Neu-Anspach und die Polytechnische Gesellschaft Frankfurter Künstlern zur Verfügung.

Im November startet die Ausschreibung zum ersten «Atelierstipendium» im Freilichtmuseum Hessenpark. Zwei Monate kann dann ein Künstler aus Frankfurt im Gästehaus des Hessenparks leben. Er bekommt ein Atelier, 5000 Euro Gehalt und jede Menge Zuschauer. Denn das ist der «Deal»: Die Künstler aus der Stadt müssen sich zumindest manchmal von den Besuchern des Freilichtmuseums über die Schulter schauen lassen.

«Dabei verlangen wir nicht, dass die Maler mit der Staffelei ins Grüne gehen», beruhigt Jonas Leihener von der Städelschule. Er sowie Manuela Messerschmidt vom Atelier Frankfurt und Felix Ruhöfer von der Ateliergemeinschaft «Basis» sind die Juroren und dürfen den Stipendiaten bestimmen. «Ich kenne fast alle unsere Studenten und werde gezielt welche ansprechen, die ich für agil und extrovertiert genug halte, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen», so Leihener. Eine gewisse Liebe zur Natur und dem Landleben sei auch kein Hindernis.

Bewerben können sich bildende Künstler aus Frankfurt – allerdings nur solche, die ernsthaft von ihrer Arbeit leben wollen und bereits ausgestellt haben. Jens Scheller, Geschäftsführer des Hessenparks, kündigte an, dass künftig alle zwei Jahre ein Stipendium vergeben werde. Bewerbungsunterlagen gibt es im Internet auf http://www.hessenpark.de

FAZ | 31.07.09

Brut im Glück

Kaum Geld, aber viel Elan: Atelierfrankfurt präsentiert sich im Kunstverein

Teil der Szene, die sich nun im Kunstverein vorstellt: Das Atelierfrankfurt an der Hohenstaufenstraße

Es säuselt und wimmert unter dem Kreuzgewölbe. „Mona D“ heißt die Band, die das gut gefüllte Café des Frankfurter Kunstvereins einspinnt mit Schlagzeug, Gitarre und dem wehmütigen Gesang von Corinna Mayer. Die Hauptperson des Abends heißt ebenfalls Corinna und hätte für ihre Präsentation die gleiche Tonlage wählen können. Denn als Projektleiterin des Atelierfrankfurt hat Corinna Bimboese mit Unbill aller Art zu kämpfen. Mehrmals schon sollte das Künstlerhaus an der Hohenstaufenstraße geschlossen werden.

Wie es mit der Kunstszene in und um Frankfurt weitergeht, will der Kunstverein an sechs Abenden während der aktuellen Schau „Gemeinsam in die Zukunft“ herausfinden. Bis September stellen noch Raum 121, die Ausstellungshalle, der Offenbacher Hafen 2 und die einstige Galerie Fruchtig ihre Arbeit vor. So will Kunstvereins-Direktor Holger Kube Ventura „überprüfen, wie das ineinander hakt“. Die Reihe könnte fortgeführt werden und ist für Kube Ventura auch ein Anlauf in eigener Sache: Er leitet den Kunstverein erst seit vier Monaten.

Das Geld sei stets knapp, sagt Bimboese, die als Projektleiterin des Atelierfrankfurt nun den Anfang machte. Für jede Ausstellung müssten Sponsoren überzeugt werden. Den Nachbarn sei die beliebte Freitagsküche zu laut, sodass diese wohl umziehen müsse. Und schließlich mache es die glitzernde Zukunft des Europaviertels unvorstellbar, dass das Atelierfrankfurt dort bleiben könne, wo es heute sei.

Bimboese hätte also viele Gründe zu klagen. Stattdessen präsentiert sie sich als Frau, die lustvoll zupackt. Als ihr Haus im vorigen Jahr auf der Kippe stand, nachdem es die Vivico Real Estate GmbH vom Land Hessen gekauft hatte, versuchten sie und die Vereinsmitglieder, durch Ausstellungen und Netzwerke Staub aufzuwirbeln. „Das war schon ein kleines Politikum“, erinnert sie sich. Schließlich bekam das Atelierfrankfurt von der Immobiliengesellschaft eine Bestandsgarantie für fünf Jahre. „Total komfortabel“, findet das Bimboese. Nun könne man besser planen.

So sollen auch in Zukunft Künstler und Gestalter aus anderen Städten und Ländern nach Frankfurt kommen und frischen Wind in das Gehäuse mit seinen 45 Ateliers und drei Ausstellungsräumen bringen. Die Größe des Hauses sei überschaubarer als etwa beim Atelierhaus „basis“ mit seinen 120 Arbeitsräumen, die Atmosphäre nett. Ihr Domizil nennt Bimboese „kleine Brutstätte“ und erklärt, weshalb sie dort keine Galerie betreiben möchte. Zeit dafür hätte die 35 Jahre alte Kunsthistorikerin nicht, sagt sie, und bezweifelt, dass es die klassische Kunstgalerie noch lange geben wird in Zeiten von Facebook, MySpace und Co.

Von Rafael Barth

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FAZ | Juli 09

von Christoph Schütte

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FR | 19.06.09

Per Klick in die Kunstszene

Gallus Die Kunst-Homepage "Artsite.tv" feiert im Atelierfrankfurt zweiten Geburtstag

Wenn Artsite.tv Geburtstag feiert, werden viele Künstler zu Gast sein. "Nach zwei Jahren kennt man sich eben  ganz gut", sagt  Olaf Kaestner, der das Kunstfernsehen mit seiner Frau Anne gegründet hat. Er sitzt in einem  beigen Bürostuhl, um ihn  lauter Kisten. Die Wände sind noch nicht gestrichen. Auch im  Flur, zwischen  Theaterkulissen und Ausstellungsstücken, herrscht künstlerische Unordnung.
Artsite.tv ist ein wochenaktuelles Online-Magazin über die Kunstszene im Rhein-Main-Gebiet, das redaktionell von Kulturjournalisten und Kunsthistorikern betreut wird. Bis zu 50 000 Klicks verzeichnet die Seite monatlich.  Die meist drei bis fünf Minuten langen Beiträge widmen sich  bildender Kunst, Ausstellungen in Museen und Galerien.  
Ein Herz fürs "Off"
 Kaestner hat aber auch ein Herz für den Underground, den er "Off" nennt.   Darüber finden sich schon 15 Filme   auf der Internetseite. Berichte über Theater, Schauspiel und Literatur kommen dazu. Am Drehort brauchen die Mitarbeiter nur eine große blaue Tasche, in der Kamera, Stativ, Script und Mikro sind. Am Computer wird   später geschnitten.
Ihnen war von Anfang an klar, "dass wir ausschließlich mit dem Internet arbeiten wollen", sagt Anne Kaestner. Mit 15 freien Mitarbeitern  wurden schon 200 Filme  produziert.  Die Bekanntheit gehe so weit, dass sie in Lokalen angesprochen werden, weil einem Gast ihre Stimme so bekannt vorkomme.  Zu aktuellen Berichten produzieren sie einen Kunstkalender für die Termine der Woche. Besonders stolz sind die beiden  auf die Schwerpunktseiten zu grundlegenden Fragen wie "Was ist Kunst?". "Man kann im Internet nicht allzu kleinteilig und speziell arbeiten," glaubt Olaf Kaestner. Kulturberichterstattung im Fernsehen werde immer dünner, mit solchen Sonderseiten dagegen könne man sich  stundenlang beschäftigen, "wenn einen das Thema mehr interessiert". Olaf Kaestner hat in Frankfurt Politik, Philosophie und Germanistik studiert. Er war freier Journalist und hatte schon eine eigene Werbeagentur. Vor zehn Jahren dann kam das Interesse für bildende Kunst auf. Inzwischen habe er das Gefühl, mit Artsite.tv beruflich angekommen zu sein. Seine Frau Anne ist Kunsthistorikerin und  oft in Museen unterwegs, um Ausstellungen zu besprechen.

von Mona Jaeger

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PRINZ | Mai 09


von Alexander Jürgs

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FNP | 24.11.08

Freitags essen und tanzen

Atmosphäre: Das Atelier Frankfurt, ein «Zentrum für zeitgemäße künstlerische Prozesse», in dem verschiedene Kunstschaffende ihre Ateliers betreiben, bietet immer mal wieder Gelegenheiten, in dem leider dem Abbruch geweihten ehemaligen Polizeidezernatsgebäude in der Hohenstaufenstraße zur Party zu laden. Mit dabei ist auch die unregelmäßig stattfindende Freitagsküche, die, wie der Name schon sagt, freitagsabends zuweilen zum Abendessen, zusammensitzen, oder vielmehr -stehen, einlädt. Zum Beispiel während der Buchmesse, oder wenn, wie am vergangenen Wochenende, die im Atelier beheimateten Künstler ihre Werke ausstellen. Dann trifft sich, was Kunst und Kultur oder einfach ein Bier oder Glas Wein mag, in einem der Räume des Ateliers – zuletzt in der alten Polizeikantine. Wer rechtzeitig kommt, kann ein Essen ergattern, wer hingegen erst nach 21 Uhr auftaucht, hat meist Pech gehabt. Die Freitagsküche ist als Verein organisiert, verschiedene Mitglieder oder auch Gäste kochen.

Publikum: Wie schon erwähnt, Künstler, Gestalter, Kunststudenten und andere aus dem Umfeld derer, die kreativ sind oder sich dafür halten, kommen nach getaner Arbeit zur Freitagsküche.

 

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FR | 03.06.08

Möglich, dass Investoren nach Jahren des Leerstands etwas vorsichtiger geworden sind, nur in hochwertige  Büros zu investieren

Kunst findet Stadt. Was sonst? Irgendwo zwischen Vorgestern und Übermorgen finden Künstler ihre Nischen. Nach Art einer botanischen Pflasterritzengesellschaft ziehen sie ihre Kraft aus dem letzten bisschen Nährboden zwischen all den Mauern, Steinen und Straßen. So ist es auch bei Atelierfrankfurt gelaufen, das seit 2004 als ein "Zentrum für  zeitgemäße künstlerische Prozesse" im toten Winkel zwischen Hauptbahnhof und Messe offensteht. In auffälliger Korrespondenz übrigens zu den Lebenszeichen, die schräg gegenüber der gelbe Turm der Matthäuskirche aussendet. 

Wie sich's also für Künstler gehört, müssen sie nun weiter ziehen. Ein angekündigtes Hochhaus namens  "Tower 185" zieht Kreise. Die Nische für die Kunstproduzenten schließt sich, und damit das von ihnen offen gehaltene Fenster in die Geschichte des geschäftigen Messeviertels. Denn das alte Gebäude, ein mit Marmor und Messing gestaltetes Zeugnis für Frankfurter Unternehmerstolz, wird fallen. Wie schon nebenan die frühere Bundesbahndirektion.

Das ist, wie  es so läuft. Doch etwas ist anders geworden, seit das Hessische Immobilien Management (HI) bereits 2005 einmal der Künstler-Initiative wegen Mietschulden die fristlose Kündigung ins Haus schickte. Seit damals, als sich die Vermarkter der Immobilien des Landes Hessen erst durch Intervention namhafter Persönlichkeiten erweichen ließen, die Zwischennutzer im Abbruchhaus  weiter zu dulden. Etwas ist anders geworden, der Bauherr führt inzwischen Verhandlungen. Und noch etwas ist anders geworden: Die Künstler hauen nicht auf den Putz, sondern warten hoffnungsvoll die Verhandlungen ab.

Es gibt einige Gründe, die für diese unerwartete Klima-Veränderung in Frage kommen: Bei Vivico haben sie des früheren Stadtrats Hilmar  Hoffmanns Standardwerk "Kultur für alle" gelesen und wollen das Werk 40 Jahre später jetzt beherzigen. Oder die Vermarkter des früheren Bahnvermögens waren im Hause Atelierfrankfurt am Wochenende bei der Debatte "Re-Build This City!" zu Besuch und haben dabei die Forderung aufgeschnappt, es wäre gut, die alte Hoffmann'sche Forderung in "Kultur von  und mit allen!" umzudichten.

Möglich auch, dass Investoren nach Jahren des Leerstands hochwertiger Büro-Immobilien etwas vorsichtiger damit geworden sind, weiterhin ausschließlich in hochwertige Büro-Immobilien zu investieren. Oder die Bauherren ahnen, dass sich Frankfurt nicht international als Metropole preisen lässt, wenn hier ausgebildete Künstler  wegen der fehlenden Arbeitsmöglichkeiten regelmäßig nach Berlin abwandern. Etwas davon wird stimmen. Vielleicht auch alles, wer weiß.

Claudia Michels

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FR | 13.02.08

Aufbruch der Kreativen

Künstlern fehlen preiswerte Räume, und erfolgreiche Projekte treiben im Bumerang-Effekt Preise in die Höhe   

VON JÜRGEN SCHULTHEIS   

Viele sind weggegangen - Leute aus der Musikszene, junge bildende Künstler, Produzenten. Menschen, die Leben in die steinerne Stadt bringen. Frankfurt macht es ihnen nicht leicht. Wer hier bestehen will, braucht günstigen Raum für neue Ideen; Gebäude, die ihre Vergangenheit hinter sich haben, deren Zukunft aber noch nicht  begonnen hat. Räume und Flächen also, die billig sind. Aber davon gibt es nicht mehr so viele, das glaubt jedenfalls die Mehrheit, die am Montagabend auf Einladung der Gruppe bb22 im alten Frankfurter Polizeipräsidium über das Thema "Zu wenig Schrumpfung? Frankfurt verliert seine Kreativen" diskutiert. 

Leerstand gibt es in dieser Stadt. Aber viele  Immobilienbesitzer scheuen es offenbar, für die "kreative Vorhut" Tür und Tor zu öffnen. Und selbst dort, wo sich Kreative im Wortsinne ihre Räume nehmen, etwa im alten Frankfurter Polizeipräsidium, ist absehbar, dass es kein Ort von Dauer sein wird. Der Eigentümer der Immobilie, das Land, wird verkaufen, wenn der Erlös stimmt. Für die, die im  AtelierFrankfurt dort arbeiten, heißt es dann Sachen packen. Aber "man kann nicht immer wieder neu anfangen, irgendwann reicht die Lebensenergie nicht mehr aus", sagt eine junge Frau an diesem Abend. Nach der vierten Gentrifizierung ist Schluss.

Gentrifizierung ist offenkundig so etwas wie der Fluch des Erfolges für die jungen Kreativen. Das Drama verläuft meist nach  dem gleichen Drehbuch: Kreative entdecken vernachlässigte oder verwahrloste Viertel, bauen Ateliers auf, Bars und Restaurants öffnen, bis schließlich die Immobilienindustrie die In-Viertel entdeckt und die Preise derart nach oben treibt, dass die Väter und Mütter des Erfolges ihre Heimstatt verlassen müssen. Und von vorne beginnen  müssen.

Industriebrachen fehlen

Jede Metropole kennt solche Prozesse, und einer der gravierendsten der jüngsten Zeit ist im Red Hook-District in New York abgelaufen. Kein Taxifahrer hat das Quartier Mitte der 90er bedient - heute explodieren die Immobilienpreise, nachdem Künstler die kleinen und feinen ein- bis dreistöckigen Häuser hergerichtet  und das Quartier zu einem Szene-Viertel gemacht haben.

Amsterdam hat ähnliche Veränderung erlebt, eine Frau erzählt von der anarchischen Szene in den 80ern, der schwachen Konjunktur, die Platz lässt für Neues, vom Aufbruch und von der boomenden Ökonomie in den 90ern, in deren Verlauf Amsterdam das Image der Toleranz verloren hat. Damals hat sich die  Künstlergruppe in den vernachlässigten Norden der Stadt zurückgezogen. Der Musiksender MTV ist in der Nachbarschaft inzwischen eingezogen, das Viertel floriert - mit allen Risiken für die Kreativen.

"Uns fehlen die klassischen Industriebrachen", sagt tags drauf der Leiter der regionalen Marketinggesellschaft Frankfurt/Rhein-Main, Hartmut Schwesinger. Deshalb fehlt  günstiger Raum für die Kreativen. Aber das allein ist es nicht. Frankfurt, heißt es im Stadtsalon am Abend, habe auch kein gründer- und kreativenfreundliches Klima.

Ellen Bommersheim, Geschäftsführerin von Kompass, Zentrum für Existenzgründungen, mag da nicht zustimmen. Den Kreativen fehle der Mut, sagt sie, sie litten noch unter dem Blues, der nach  dem Internet-Hype entstanden sei. Immerhin belege Frankfurt bundesweit einen Spitzenplatz bei Gründungen, nur Offenbach sei da noch besser. Aber das kommt ihr nur schwer über die Lippen.

 

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FAZ | 03.02.08

MEIN KULTURTIP

Für die Kunstfreunde

VON CHUS MARTÍNEZ

"Aufzeichnung - Zapis" nennt sich eine Gruppenausstellung, die als Resultat aus einem kulturellen Austausch zwischen Frankfurt und Krakau entstanden ist. Eine Gruppe junger Künstlerinnen, die in Frankfurt leben, aber in Polen geboren wurden oder aufgewachsen sind, haben gemeinsam mit weiteren Frankfurter und Krakauer Künstlerinnen im Anschluss an einen kontinuierlichen Austausch während eines Jahres eine Ausstellung entwickelt, deren Themen die Möglichkeit von künstlerischer Auseinandersetzung, das gemeinsame Arbeiten und das Reisen als Grundlage eines Lernprozesses waren. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Februar im Atelierfrankfurt, dem Künstlerhaus, das seit 2004 im ehemaligen Polizeipräsidium beherbergt ist. Zentral gelegen in der Nähe des Hauptbahnhofs, ist hier auch regelmäßig die Freitagsküche zu Gast.

Ola Bielas, Karolina Kowalska, Maria Loboda, Denise Mawila, Anna Ostoya, Judith Raum und Róza Janiszewska haben für die Galerie des Atelierfrankfurt ein sehr überzeugendes Konzept entwickelt.

Im Lauf der Woche hat Frankfurt für alle Kunstfreunde eine Menge zu bieten: Donnerstagabend eine Eröffnung bei uns im Frankfurter Kunstverein sowie im Museum für Moderne Kunst, am Freitag den Rundgang an der Städelschule und am Wochenende die Finissage der Ausstellung im Atelierfrankfurt. Besonders an diesem Ort zeigt sich Frankfurt als Stadt der kulturellen Produktion, wo auch institutionsunabhängige Initiativen Raum finden, die besonders wichtig sind und die vielfältige Kulturlandschaft Frankfurts entscheidend bereichern. Im Internet zu finden unter www.atelierfrankfurt.de.

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FAZ | 03.02.05

Künstler statt Polizisten

Ein Abend im "atelierfrankfurt"

Schön bunt und gar nicht frauenfeindlich geht es auf der himmelblau grundierten "Mädchentapete" von Hans Petri und Martin Neumaier zu. "I wanna be somebody else" - diesen leider nur selten erfüllbaren Wunsch hat Wilma Ehni als Motto für ihre Aufnahmen urbaner Szenen gewählt. Von Marcus Weisbeck waren attraktive Ballett-Plakate zu sehen, Claudia Scholz von der Hessischen Kulturstiftung zeigte die suggestiven Fotoarbeiten "Omaha Beach" der Stipendiatin Nathalie Grenzhäuser. Im blendend weißen Ausstellungsraum des "atelierfrankfurt", wie das Anfang März 2004 im leerstehenden Polizeipräsidium (Hohenstaufenstraße 13-27) eröffnete temporäre Frankfurter Künstlerhaus heißt, präsentierten sich einige der 40 Künstler, Designer, Musiker, Performer, Filmemacher und Architekten, die hier ihre Ateliers haben.

Nach etwa einem Jahr sei die Bilanz dieser privaten Initiative außerordentlich positiv, sagte Jean-Christoph Ammann, Vorsitzender des Beirats von "atelierfrankfurt" bei einer Abendveranstaltung, zu der das "Frankfurter Kultur Komitee" eingeladen hatte, das als Förderer des "atelierfrankfurt" eine sehr sinnvolle Aufgabe gefunden hat. Ammann betonte abermals nachdrücklich, wie notwendig dieses Projekt sei: "Wir müssen etwas für die jungen Künstler tun, sonst hauen sie uns alle nach Berlin ab." Um so mehr sei der junge Frankfurter Architekt Jörg Siedel zu loben, der diese Idee entwickelt und tatkräftig realisiert habe: "Ein Einzelkämpfer bringt eben mehr zustande als alle Komitees."

"atelierfrankurt" gehöre wie die Frankfurter Künstlerhilfe oder die Ausstellungs-Halle von Robert Bock in Sachsenhausen jetzt zu den Einrichtungen, die Frankfurt zu einem "Identitätsort" für Künstler machten. Das sei angesichts des enormen Wettbewerbs zwischen den Städten wichtig. Künstlerhäuser gebe es überall, in Berlin wie in Bremen oder Stuttgart. "atelierfrankfurt" erweitere dieses Modell aber zur interdisziplinären Einrichtung. 9000 Besucher seien in den ersten Monaten zu den Ausstellungen gekommen, die oft von außen kämen wie die Wiener "Künstlerinitiative "lassie" jetzt im Februar.

Kunst, Reden, Musik, "Dinner": Steve Reichs "Nagoya Marimba" wurde von Simon Bernstein und Michael Feil, Wayne Siegels "42nd street rondo" von Bernstein und Louisa Marxen, Studenten der Frankfurter Musikhochschule, interpretiert. Maultaschen und Saltimbocca offerierte Thomas Friemel von der "Freitagsküche, Kunst und Kochen": köstlich.

Konstanze Crüwell

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FR | 12.11.04

Gleich schön

Clayton Deutsch kippt und Wilma Ehni kopiert im atelierfrankfurt

Fläche und Linie, Tiefes und Flaches, Rasterstruktur und organischer Umriss, Malerei und Collage - bei Clayton Deutsch existiert das alles gleichzeitig neben- bisweilen auch übereinander. Der New Yorker Künstler interessiert sich für Zustände des Dazwischen. Wie passend, dass er ausgerechnet im Gastatelier des atelierfrankfurt gelandet ist, einem neu gegründeten Zentrum für Kunst und Kultur, das sich im Zustand des Werdens befand. Mittlerweile haben die Vertreter der einzelnen Disziplinen Konzepte erarbeitet, vieles ist fertig. So auch Deutsch, dessen Aufenthalt in Frankfurt beendet ist, weshalb er nun seine hier entstandenen Arbeiten ausstellt.

Eigentlich wollte Deutsch, der 1981 geboren wurde und an der Universität von Yale Kunst studierte, nach Frankfurt, um an der Städelschule zu studieren. Dort fand man aber, dass er als Künstler bereits zu weit sei, um noch als Student durchzugehen.

Seine Bilder zeigen abstrakte Formen, und doch erinnern sie aufgrund ihrer Farbe und Form immer ein wenig an den Nürburgring, mindestens aber an Architekturen. Wie diese sind sie "gebaut", doch man braucht nicht besonders lange hinzuschauen, schon kippen sämtliche Perspektiven und nichts "stimmt" mehr. Mit Logik kommt man den Bildern nicht bei.

Da ist es wie in der Mode, die das Thema der peruanischen Künstlerin Wilma Ehni ist. Deren Aufenthalt im Gastatelier, das internationalen Künstlern für sechs Monate einen Arbeitsraum und die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, gibt, hat erst begonnen; auch sie zeigt Arbeiten im atelierfrankfurt. Zum Beispiel Kleider und Oberteile, immer zwei von einem Modell, die sich in Farbe und Muster, nicht aber durch den Schnitt unterscheiden. Eines ist jeweils ein Designermodell, das andere eine von Wilma Ehni nachgeschneiderte "Fälschung". Kann die Wiederholung in der Variation so authentisch sein wie das Vorbild?

Das Original, von Armani oder Prada, ist für den Mode-Laien nicht eindeutig identifizierbar, beides ist gleich schön. Die (aufgrund von Verarbeitungsdetails) vermutete Kopie sieht sogar origineller aus. Beides sind demnach Originale unterschiedlicher Provenienz: ein Designerfummel und ein Kunstwerk. Wilma Ehni beschäftigt sich mit Fragen des Erscheinungsbildes, der Identität und der Globalisierung. Dafür ist Frankfurt ein gutes Pflaster.

atelierfrankfurt, Hohenstaufenstr. 13-17: bis 14. Nov.; Mi. 17-20, Sa. 12-16 Uhr.

Sandra Danicke

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FAZ | 05.11.04

Models, Männer, Malerei

Wilma Ehni und Clayton Deutsch im neuen Ausstellungsraum von "atelierfrankfurt"

Flammende Herzen, Anker und Seejungfrauen, der Name der Liebsten oder eine rote Rose auf dem Hintern - all das läßt sich ja irgendwie erklären. Was aber will ein junger Mann damit sagen, wenn er sich das Logo "D&G" über der Gürtellinie tätowieren läßt? Daß er die richtigen Unterhosen trägt? Den "Duft der Männlichkeit", mit dem das italienische Design-Duo um Kunden wirbt, aus allen Poren schwitzt? Nicht viel mehr als diesen Ausschnitt zeigt Wilma Ehnis ästhetisch an die Werbefotografie angelehnte Serie "Poster", darunter den Schriftzug "Influence", "Manipulation" oder "Authentic?" Damit ist eigentlich alles gesagt.

Gleich, ob die junge peruanische Künstlerin Kleider, Pullover oder T-Shirts von namhaften Designern eigenhändig genähten "Fälschungen" gegenüberstellt oder auf wandfüllenden UV-Prints die - digital manipulierten - Werbeflächen im öffentlichen Raum ins Zentrum rückt, stets kreisen ihre neuen Arbeiten um die Wechselwirkung von Werbung, Mode, Markenbewußtsein und Identität. Um Projektionen und all die Verrenkungen, die man so unternimmt, um den schönen schlanken Models auf den Reklamebildern nachzueifern. Im neuen Ausstellungsraum von "atelierfrankfurt" (Hohenstaufenstraße 13-25) treffen die Arbeiten der aus der Bildhauerei kommenden Künstlerin derzeit auf die weitgehend abstrakte Malerei Clayton Deutschs.

Wie Ehni gehört der Amerikaner zu jenen Künstlern, die für ein halbes Jahr die vom "Zentrum für zeitgemäße künstlerische Prozesse" im alten Polizeipräsidium zur Verfügung gestellten Gastateliers bezogen haben, und gemeinsam bestreiten sie daher trotz der sehr unterschiedlichen Ansätze auch die Eröffnungsschau. Deutsch, der bei Peter Halley studiert hat, zeigt sich in seinen in Frankfurt entstandenen Arbeiten zunächst wie sein Lehrer an den Klassikern der geometrischen Abstraktion interessiert, am Zusammenspiel von Linien und Farbflächen auf einem rationalen und regelmäßigen Raster. Zugleich aber gibt er den in Acryl auf Papier ausgeführten Arbeiten durch die Collagetechnik Tiefe und Struktur, setzt mitunter geometrische Körper in abstrakte Farbfelder und bricht die klaren Formen zudem mit freien, weit ausholenden und spontan ausgeführten Pinselzügen.

Nicht um das Zitat, eher schon um die spielerische Kombination verschiedener Ansätze ist es ihm zu tun. Natur und Kultur, Theorien des Urbanismus und der Architektur und nicht zuletzt die Malerei der Moderne, all das mag man in den spannungsreichen Bildern des 1981 geborenen Künstlers gespiegelt finden. Doch so reflektiert und vielschichtig Clayton Deutschs junges Werk einerseits auch erscheint, stets handelt es sich darüber hinaus um lustvolle Malerei.

Bis zum 12. November Mittwoch von 17 bis 20 Uhr, Samstag von 12 bis 16 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter der Nummer 0 69/74 30 37 70 geöffnet.
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

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FNP | 01.10.04

Suppenküche zur Messe

"Atelierfrankfurt", ein Zentrum für künstlerische Prozesse in Messe-Nähe, intensiviert rechtzeitig zur Buchmesse seine Aktivitäten.

Ganz ist das kreative Chaos der Gründung im Frühjahr noch nicht gewichen. Doch hat sich bei den Umbauten im früheren Polizeidezernat (Hohenstaufenstraße 13-27) viel getan, seit Jörg Siedel die Räume von der Stadt mieten konnte. Ganz ähnlich steht es bei der Programmatik: Während Publikumstermine wie Konzerte oder Lecture Performances dichter werden, formulieren die Kuratoren noch in Manifesten ihre Absichten und verwirren vielleicht Teile des Publikums damit. Das muss wohl so sein, da Produktion und Austausch zwischen Künstlern aus Architektur, bildender Kunst, Design, Film, Musik, Performance/Theater, die für wenig Geld Ateliers und Foren bekommen, gleiches Gewicht haben sollen wie die Präsentation.

Wenn um die Ecke demnächst die Buchmesse eröffnet, kommt erneut die schon begonnene Kooperation mit ihr zum tragen. Atelierfrankfurt stellt täglich (6.-9. Oktober) ab 17 Uhr Bücher vor.
Ab 18 Uhr gibt es in der provisorischen Mensa eine Suppenküche, die Messeteilnehmer lockt und auf den Schauplatz aufmerksam macht, der in Eigeninitiative Künstler holen und halten will, damit Frankfurt nicht zum bloßen "Durchlauferhitzer" (J.C. Ammann) verkommt. Dazu Vorträge (20 Uhr) und, am 6., ein Rock-Konzert (23 Uhr). Das Oktoberprogramm steht im Internet (www.atelierfrankfurt.de). Telefon: (069) 74303770.

Marcus Hladek

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FAZ | 30.09.04

Mehr Salz in die Suppe
Kunstzentrum "atelierfrankfurt" stellt Projekte vor / Erste Ausstellung im Oktober

Ein ehrgeiziges Projekt, keine Frage. Als der Architekt Jörg Siedel im Frühjahr die Idee entwickelte, in dem leerstehenden ehemaligen Frankfurter Polizeipräsidium ein "Zentrum für zeitgemäße künstlerische Prozesse" zu etablieren, wußte vermutlich noch niemand so genau, wie das aussehen würde oder woher das Geld für die Miete kommen sollte. Schließlich gehört das Gebäude dem Land, das es der Initiative lediglich zur Zwischenmiete zur Verfügung gestellt hat. Aber daß sich etwas tut in Frankfurt, daß angesichts der allgemeinen Klagen über leere Kassen, das Fehlen bezahlbarer Ateliers und das Verschwinden freier Ausstellungsräume eine Gruppe junger Leute mit der Gründung von "atelierfrankfurt" selbst die Initiative ergriff, stieß von Anfang an auf mehr als nur wohlwollendes Interesse der Szene, die, wie Jean-Christophe Ammann, Vorsitzender des Beirats, die Kunst nach wie vor für "das Salz in der Suppe" hält.

"Hier wird aus Notwendigkeit gehandelt. Das gestaltende Moment ist entscheidend auch für die Identität des Ortes", sagte der frühere Direktor des Museums für Moderne Kunst jetzt bei der Vorstellung der aktuellen Projekte. Und in dem halben Jahr, das seit der feierlichen Eröffnung vergangen ist, hat sich eine Menge getan in dem Gebäude an der Hohenstaufenstraße. Mehr und mehr entwickelt sich "atelierfrankfurt" in der Tat zu einem Netzwerk von Künstlern verschiedener Disziplinen. Rund 40 Ateliers sind von Architekten, Designern, Filmemachern und Künstlern hergerichtet und bezogen worden, im Club finden seit dem Sommer regelmäßig Konzerte elektronischer Musik statt, und die Kuratorengruppe "Unfriendly Takeover" veranstaltet seit drei Monaten Performance Lectures mit namhaften jungen Künstlern.

Und so ist der Ort auf dem besten Wege, tatsächlich so etwas wie ein Zentrum für Kunst und Kultur zu werden, das nicht nur Künstlern buchstäblich Raum bietet, sondern sich zur Stadt und einem kulturell interessierten Publikum öffnet. Ein Kuratorium für die Bereiche Architektur, Bildende Kunst, Film, Performance/Theater, Design und Musik will im nächsten Jahr eine Reihe mit Veranstaltungen zu dem gemeinsamen Thema "Material" etablieren und damit dem "Zentrum für künstlerische Prozesse" bei aller Heterogenität ein deutlicheres Profil geben. Die erste Kunstausstellung im neuen, rund 200 Quadratmeter großen Galerieraum ist hingegen schon für Mitte Oktober geplant.

Die Eröffnungsausstellung bestreiten mit Clayton Deutsch, Wilma Ehni und Ninna Korhonen jene drei Künstler, die unlängst für ein halbes Jahr die vom Land Hessen unterstützten Gastateliers bezogen haben. Und nicht zuletzt könnte sich "atelierfrankfurt" während der bevorstehenden Buchmesse zu einem außerordentlich lebendigen Treffpunkt entwickeln. Vor den allabendlichen Lesungen etwa mit Peter Piller oder Thomas Kapielski richtet Thomas Markowic in den Räumlichkeiten der künftigen Mensa seine Suppenküche ein. Um das Salz in der Suppe braucht man sich also im alten Polizeipräsidium keine Sorgen zu machen.
schÜ.
Am 30. September um 20.30 Uhr ist Daniel Belasco Rogers im Rahmen der Performance Lectures in der Hohenstaufenstraße 13-27 zu Gast. Weitere Informationen zum Programm und zu den geplanten Projekten unter www.atelierfrankfurt.de.
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Hortense Pisano

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FR | 02.09.04

Eine Nische für die Kunst im Abbruch-Haus

Im ehemaligen Polizeigebäude an der Hohenstaufenstraße arbeiten rund 100 Künstler, doch wie lange sie die Miete bezahlen können ist fraglich

Von Claudia Michels

Man versteht längst nicht alles, aber man merkt: Es ist Feuer dahinter. In einem Abbruchhaus stellt die Kunst einfach besondere Fragen: "Gibt es immaterielle Kunst? Was ist das Material der Präsenz in der Performance? Hat Präsenz eine Materialität? Wie verwendet Architektur, die verschwinden will, ihr Material?"

An die 100 Menschen aller Kunst-Disziplinen, verteilt auf 1500 Quadratmeter Leerraum, jeder einzelne Quadratmeter 6,75 Euro teuer und von den meisten dieser Menschen eigentlich nicht zu bezahlen. Edler, sorgsam geschliffener Stein im Treppenhaus, hohe Türen mit Messinggriffen, Räume mit raumhohen Fenstern und Parkett, aber für all das keine Zukunft mehr. Das ist die Nische für die Kunst, für "atelierfrankfurt", ein Künstlerhaus auf Abbruch-Gelände an der Messe. Adresse: Hohenstaufenstra§e 13-27, ganz nah an der zur Disposition gestellten gelben Matthäuskirche.

365 Meter und unerreichbar hoch soll der Millennium-Tower an der hinteren Grundstücksgrenze werden, in Blickrichtung Europaviertel, das ebenfalls nur in den Köpfen von Vermarktern existiert. Alles wartet auf Investoren. "Wir sind in Gesprächen", lässt Susanne Rothenhöfer verlauten, die für die Eigentümerin Landesregierung und das "Hessische Immobilien Management" zu sprechen hat. "Festgeschriebene Hochhausbebauung" steht in der Ausschreibung.

Künstler warten nicht

Die Künstler warten nicht. Besonders Jörg Siedel, der die Immobilie auf der Suche nach einem Atelier ausgekundschaftet hat, scheint aus jedem Tag zwei zu machen. Ein "Zentrum für zeitgemä§e künstlerische Prozesse" soll entstehen, der "Austausch verschiedener Disziplinen" ermöglicht werden. So seien Bildende Künstler, Filmer, Architekten, Performancekünstler, Theatermacher, Designer und Musiker in die fast 40 Ateliers eingezogen, in Zimmer, welche vor dem Umzug der Polizei dem Betrugsdezernat zur Verfügung standen.

Vernetzung,Überschneidungen, Gesellschaftskultur, sind die Begriffe, mit denen der Städelschul-Absolvent Siedel hantiert, während er durchs Handy über die Reparatur einer zerbrochenen Fensterscheibe verhandelt, sich über das kaputte Dach sorgt oder registriert, dass nun auch noch das Knie unter dem Waschbecken im Damenklo tropft. Hauptsache die Szene kommt zu einander, bleibt beisammen, und "es hockt nicht einer in Wiesbaden, einer in Frankfurt und einer in Mainz".

Die halbe Kulturszene versammelt

Der Siedel, der aus Sachsen nach Frankfurt kam, der eigenen Angaben zu Folge sogar "das Grundstück der Urgro§eltern verkauft hat", um das mächtige Haus zu planen, zu gestalten, zu füllen, zu organisieren, hat die halbe Frankfurter Renommier-Kulturszene hinter sich versammelt, wenn man seinen Worten glauben darf. Jean- Christophe Ammann, früher Museum für Moderne Kunst, im Vorstand, Elmar Weingarten (Ensemble Modern) imVorstand. Im Kuratorium Linda Reisch, frühere Kulturdezernentin, neben Manfred Pohl (Frankfurter Kultur-Komitee), neben Andreas Bee (Museum für Moderne Kunst), und, und, und - "sie sind uns alle wohl gesonnen".

Wie es aussieht , hat der unermüdliche Siedel, gelernter Architekt, auch schon einige materielle Unterstützung an Land gezogen: Der Tanzboden aus einer der letzten Schirn-Ausstellungen wird im geplanten Ausstellungsraum ausgerollt, die Fenster werden mit einer Stellwand des Unternehmens "Regips" abgedunkelt, aus einem Podest der zu Ende gegangenen Schirn-Schau "Kunst - ein Kinderspiel" ist im spröden Charme des Aufenthaltsraums eine Bar geworden, an der vom Vortag lauter halb volle Gläser stehen und unübersehbar viele platt getretene Zigarettenstummel liegen. Tische Stühle und im Raum seien dem Wohlwollen der Industrie- und Handelskammer zu verdanken - "ich wei§ nicht genau", sagt Jörg Siedel, "wie das passiert ist".

Trotz alledem ist das Unternehmen "atelierfrankfurt e.V." nicht vor dem Scheitern gefeit. Die Miete ist einfach zu hoch; der Vorstandsvorsitzende des Vereins muss jeden Monat zur Überweisung an das Land Hessen "eine fünfstellige Summe auftreiben", zugleich leiste er da drinnen einen unbezahlten Job. Am vergangenen Freitag bereits sei "beinahe alles zu Ende gewesen", denn er habe das Geld kaum zusammen bekommen. Unter Berücksichtigung der Aufwendungen, die für das leere Gebäude zu leisten sind, wäre in seinen Augen ein Euro pro Quadratmeter Raum angemessen.

Auch vom städtischen Kulturdezernat fühlt der Koordinator sich übersehen; Klaus Klemp, im Amt zuständig für die Förderung der Bildenden Kunst, erwähnt denn auch in seinem Bericht über die öffentliche Förderung der Szene, das Projekt Hohenstaufenstraße habe "der Siedel auf eigene Faust gemacht". Es klingt an: selber schuld.

Nicht, dass die Künstler den Glauben hätten, sie könnten das Gebäude halten und selber durchhalten gegen den Druck des Geldes und des Marktes zwischen Messe und Innenstadt: "Wir werden alle drei bis fünf Jahre in neue Häuser gehen." Doch für eine finanzielle Grundausstattung durch die Stadt sehen sie eine Berechtigung: "Es gibt ein Riesen-Intereresse, hier zu arbeiten."

Die nächste Veranstaltung läuft also mit Recht unter dem Titel "Unfriendly Takeover" (Unfreundliche Übernahme) - am Samstag, 4. September, 21 Uhr, mit Musik und Videokunst.

Zwischennutzung
15 Prozent der Bürogebäude in Frankfurt stehen leer; an die 1,9 Millionen Quadratmeter freier Fläche. Mit steigender Tendenz. Denn es wird immer weiter gebaut, die milliardenschweren Immobilienfonds suchen nach Anlagen. Dass ungenutzte Gebäude lieber verrammelt werden, als sie zeitweise an Existenzgründer, an Kleinbetriebe oder Künstler zu vergeben, ist offenkundig. Anders ist es beim alten Polizeipräsidium: da stehen zwar 100 000 Quadratmeter frei, aber es durfte auch ein Club einziehen. Der Mietvertrag mit dem Land endet mit dem Verkauf. Ein Interessent sei nicht in Sicht, hie§ es. Das Land hat auch die Hohenstaufenstraße 13-27 temporär an Künstler gegeben. Sie unterhalten den Bau und müssen je Quadratmeter 6,75 Euro Miete zahlen. clau

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art kaleidoskop | April 04

"Das Salz in der Suppe"

Kunst als Zwischenlösung für Ateliers und für neue Projekträume in Frankfurt Berlin-Flair lag in der Luft bei der Einzugsfeier des Atelierfrankfurt in das ehemalige Polizeipräsidium in der Hohenstaufenstrasse 13 - 27. Dort wo einst der Betrugsdezernat nach Straftätern fahndete, haben seit März rund 50 junge Künstler, Designer, Architekten und Gruppen aus dem Theaterbereich ihre Räume bezogen. "Schnittstellen kreieren", sagte Initiator Siedel, sei das Ziel des Projektes. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das sich nicht darauf beschränken möchte, bis zum Bau des Eurotowers in ca. fünf Jahren günstige Räume zu vermieten. Das neu gegründete Institute for Contemporary (Art) Frankfurt IC(A)F plant außerdem, Ateliers an internationale Gaststipendiaten zu vergeben. Nach dem Vorbild der Kochwerkstatt an der Städelschule soll eine Mensa enstehen und in dem 2600qm gro§en Gebäude ein Raum fŸr Symposien, eine Galerie und ein Club eingerichtet werden. Dies alles wird erst realisierbar, wenn Sponsoren die nötigen Umbauten mitfinanzieren. Von der Wichtigkeit des Projektes überzeugt, unterstützt Jean-Christophe Ammann die Gründung des Atelierhauses. "Die Künstler sind das Salz in der Suppe", so der Beiratsvorsitzende des Frankfurter Kultur Komitees in seiner Laudatio. Er sei es leid, dass die "Meisten Absolventen nach dem Studium nach Berlin abhauen". Eine internationale Stadt wie Frankfurt müsse den Künstlern mehr Anreize zum Bleiben bieten.

Atelierfrankfurt - Institute for Contemporary (Art) Frankfurt - IC(A)F

 

Hortense Pisano

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Journal Frankfurt | 05.04.04

Eröffnung
atelierfrankfurt


Atelierfrankfurt: Kunstinstitut?
"Ein bisschen wie in Berlin kurz nach der Wende", dieses Gefühl von Aufbruchstimmung habe sich bei der Besichtigung der 1318 Quadratmeter großen leer stehenden Immobilie eingestellt, sagt Architekt Jörg Siedel. Dort, wo einst das Betrugsdezernat nach kriminellen Machenschaften fahndet, soll ein Netzwerk für Künstler, Architekten, Designer, Philosophen, Theater- und Kunstwissenschaftler entstehen. Noch in diesem Monat werden die ersten Mieter ihre bis dato nüchternen Bürokabinen beziehen. Neben einer Mensa und einem Club im Erdgeschoss sind ein Galerie- und Vortragsraum vorgesehen. Falls es den Initiatoren gelingt, Gelder für die Umbauarbeiten zu akquirieren, sind zudem Gaststipendien für Künstler etwa aus Osteuropa vorgesehen. In der Anfangsphase baut das Haus aber auf seine Grundidee, Künstlern und Gruppen aus Frankfurt günstig Räume zur Verfügung zu stellen, um bis zum Bau des Europaviertels in ca. drei Jahren eine kulturelle Plattform zu gewähren. Diesen Freiraum braucht die Stadt auch dringend, um für die Nachwuchskunst als Standort interessant zu bleiben. Mit einem Fries aus DIN-A4-Beiträgen stellen sich die neuen Mieter zur Eröffnung des Hauses vor. Als wichtiger Fürsprecher des Projektes wird Jean-Christophe Ammann die Begrüßungsrede halten. Atelierfrankfurt bündelt Kunst und Kultur, will für mehr kreativen Freiraum in der Stadt sorgen.

Hortense Pisano

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FR | 06.03.04

KULTUR RHEINMAIN

Plattform für die Künste
Das Institut for Contemporary (Art) Frankfurt eröffnet seine Türen

Von Kathrin Hartmann

"Vernehmung", steht an der weißen Bürotür, die Neonleuchte im Flur mit dem grünen Linoleum - Boden flackert geräuschvoll, wie man sich das vorstellt in einem leer stehenden Bürogebäude. Doch die Räume im ehemaligen Betrugsdezernat des alten Polzeipräsidiums werden bald wieder mit Leben gefüllt sein - ganz und gar unkriminell.

Gestern wurde in der Hohenstaufenstraße 13 - 27 das Institute for Contemporary (Art) Frankfurt (IC(A)F) eröffnet. Das Projekt, das der Architekt Jörg Siedel Anfang des Jahres gründete, soll der kreativen Produktion, Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst, Architektur, Grafik und Theorie verbinden. Auf den 3200 Quadratmetern soll eine Plattform für interdisziplinären Austausch entstehen. Für einen Mietpreis, der unterhalb der städtisch geförderten Ateliers liegt, haben Künstler, Architekten, Grafiker und Wissenschaftler die Möglichkeit, in 54 Ateliers zu arbeiten. Zwei Gastateliers, deren Kosten Udo Corts' Ministerium für Wissenschaft und Kunst für ein halbes Jahr übernehmen wird, sollen ausländische Künstler nach Frankfurt bringen.

Allerdings, so Initiator Siedel bei der Eröffnung am Donnerstagabend, soll das Gebäude nicht nur "Dauerfahrkarte für günstige Ateliers sein". So soll es neben den Ateliers auch einen Vortragssaal, einen 230 Quadratmeter Großen Ausstellungsraum, einen Club, eine Galerie und eine Mensa geben. Damit wolle man "öffentliche Atmosphäre" und eine "Verbindung zu Frankfurt" schaffen und damit die Stadtkultur mitgestalten. Weiterhin sind Disziplinen übergreifende Veröffentlichungen, Symposien und Ausstellungen geplant. Das Land Hessen hat dem neu gegründeten Verein IC(A)F das Gebäude, das abgerissen werden soll, für etwa drei bis fünf Jahre zur Zwischenmiete zur Verfügung gestellt. Einen Vorstand gilt es noch zu gründen, auch eine Leitung hat das Institut noch nicht.

Unterstützung erfuhr der kommissarische Vorstand und Gründer Jörg Siedel, der seit vergangenem Sommer die Idee für ein solches Forum gehegt hat, vom Frankfurter Kultur Komitee mit seinem Vorsitzenden Manfred Pohl, Gründer des Archives der deutschen Bank, und dem Beiratsvorsitzenden Jean-Christophe Ammann, ehedem Leiter des Frankfurter Museum für Moderne Kunst.

"Frankfurt ist ein Durchlauferhitzer", erklärt Ammann bei der Eröffnung. Die Stadt braucht eine solche Einrichtung, damit die Künstler aus Frankfurt und Offenbach "nicht nach Berlin abhauen, sondern hier bleiben". Gerade eine internationale Stadt wie Frankfurt müsse auch eine Kunstszene haben, die sich mit anderen Metropolen messen kann. Denn "an der Tatsache dass Künstler das Salz in der Suppe sind, hat sich nichts geändert."

So haben auch diverse Kulturschaffende, Wissenschaftler und Lehrende aus Frankfurt, aber auch ganz Deutschland Empfehlungsschreiben für Siedels Konzept beigesteuert. Jene hat Siedel neben sein Konzept und DINA 4 - Bögen geheftet, die als Fries in den noch leeren Räumen hängen. Darauf stellen sich die rund 50 Künstler vor, die dort Ateliers beziehen wollen. Viele davon sind Studenten oder Absolventen der Städelschule und HfG Offenbach.

IC(A)F: Für den Bau des Ausstellungsraums, der Mensa und des Clubs sucht der Verein noch Sponsoren. Nähere Informationen gibt es unter E-Mail atelierfrankfurt@mail.com

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FAZ | 06.03.04

Ateliers im Präsidium
Neues Kunstinstitut eröffnet

Neue Räume für die Kunst in der Finanzmetropole: das "Institut for Contemporary (Art) Frankfurt", wie sich ein vom früheren Leiter des Museum für Moderne Kunst Jean-Christophe Ammann maßgeblich unterstütztes Projekt nennt, will künstlerisches Leben in leerstehende Gebäude bringen. Alle paar Jahre soll das Institut weiterziehen - wenn das vorübergehend genutzte Objekt abgerissen oder verkauft wird. Anfangsdomizil ist das ehemalige Polzeipräsidium in der Hohenstaufenstraße, wo für einen Zeitraum von etwa fünf Jahren 54 junge Künstler, Architekten, Grafiker und Wissenschaftler Ateliers beziehen sollen. Die Arbeitsräume werden nach Auskunft der Initiatoren für eine günstige Miete angeboten. Ein Ausstellungs- und Veranstaltungs- sowie ein Vortragssaal sind als Orte vorgesehen, an denen sich die Künstler untereinander verständigen, vor allem aber zu der Stadt in ein Verhältnis setzen können. Denn dies steht bei dieser Initiative im Vordergrund: eine Repräsentation Frankfurts mittels des hier ansässigen künstlerischen Nachwuchses. Es soll zudem "internationale Gastateliers" geben - ein Sponsor hierfür wird gesucht.
lr.

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